Bischof Dr. Gebhard Fürst: Brief an die Menschen, die bei uns in Deutschland Heimat finden, zum Welttag des Migranten und Flüchtlings

Liebe Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche, die Sie nach Deutschland gekommen sind,

als Bischof der katholischen Kirche von Rottenburg-Stuttgart wende ich mich an Sie, um Sie in diesem Land zu begrüßen. Und ich weiß, die große Mehrheit der Menschen in unserem Land – insbesondere auch die Mehrheit der 1 ,8 Millionen Katholikinnen und Katholiken von Rottenburg-Stuttgart – schließt sich diesem Gruß an.

Hinter Ihnen liegt eine schwere Zeit. Das ganze Ausmaß Ihres Schicksals, sehr geehrte Damen und Herren, ist für uns hier in Deutschland oftmals nur schwer zu begreifen.

ln den vergangenen Jahren habe ich viele Flüchtlingsunterkünfte in der Diözese Rottenburg-Stuttgart besucht. Die meist tragischen Erlebnisse, die mir die Menschen dort erzählt haben, haben mich sehr traurig und zugleich betroffen gemacht. Ich habe gesehen, dass viele, die zu uns gekommen sind, an Leib und Seele so schwer gezeichnet sind, dass sie professionelle Hilfe brauchen, um Wege zu finden, mit dem Erlebten weiterzuleben. Seien Sie versichert, dass ich viele Ihrer Schicksale mit in mein Gebet hineingenommen habe.

Bereits kurz nach den ersten Meldungen im Sommer 2013 über die sich zunehmend verschärfende Situation auf den Flüchtlingsrouten nach Europa, habe ich im Frühjahr 2014 das Kloster Weingarten als Unterkunft für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Dies war die Initialzündung für das Engagement in der Flüchtlingsarbeit der katholischen Kirche in Württemberg. Insgesamt 9.000 geflüchtete Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche konnten wir teils in unseren Einrichtungen aufnehmen oder in Zusammenarbeit mit Landkreisen und Kommunen durch Mitarbeitende der Caritas betreuen. Zudem hat sich eine sehr große Zahl haupt- und ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer, Frauen und Männer, auf vielfältige Weise in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Dafür danke ich von Herzen!

Humanitäre Hilfe ist für uns als Christen lebendiger Auftrag, weil wir durch den Stifter unserer Religion zur Nächstenliebe gerufen sind. Im Evangelium heißt es: “Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.” So lautet das Doppelgebot der Liebe, dem Gebot der Nächstenliebe, das sich aus der Liebe zu Gott, der ALLE Menschen geschaffen hat, ableitet. So ist es im Evangelium überliefert. (Lk 10,27). An anderer Stelle sagt Jesus Christus selbst: “Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen. Denn alles was ihr dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan” (vgl. Mt 25, 35,40). Diese Worte Jesu sind uns Leitfaden und Richtschnur in unserem Engagement.

Zum Gelingen der Integration gehört auch der Beitrag auf Seiten derer, die zu uns gekommen sind und noch kommen werden. Denn auch die Menschen, die seit Jahrzehnten oder gar Generationen in diesem Land leben, empfangende, gastgebende und beherbergende Menschen haben Sorgen und Erwartungen: Erwartungen an die Menschen, die aus Not einwandern und die bei uns in Deutschland bleiben wollen.

Aus diesem Grund möchte ich Sie ermutigen, sich aktiv in unsere Gesellschaft einzubringen. Diese fußt auf Grundwerten, die wir nicht aufgeben werden und wollen. Auch wenn unsere Gesellschaft heute weitestgehend säkular erscheint, beruhen ihre Traditionen, ihr Bild vom Menschen und seine unantastbare Würde auf christlichen Grundlagen. Solche humane Grundorientierungen prägen unser Zusammenleben, fördern unser Miteinander und verpflichten uns zur Gastfreundschaft. Ich möchte Sie deshalb bitten, diese unsere Werte und Grundorientierungen, die Ihnen eine neue Heimat eröffnen und geben, kennenzulernen, wertzuschätzen und zu achten. (Dazu zählen die Anerkennung unserer Verfassung und unserer Gesetze sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau.) Diese Werte und Grundorientierungen bewegen uns, dass wir Menschen auf der Flucht aufnehmen können und wollen, und dass Sie nur aufgrund der Religionsfreiheit, die unsere Verfassung gewährleistet, ihre Religion in unserem Land ausüben können.

Als Bischof schmerzt es mich besonders zu sehen, dass Religion missbraucht wird, um Gewalt, Hass und Ausgrenzung zu rechtfertigen, wenn Menschen unter dem Vorwand das sogenannte “christliche Abendland” zu verteidigen, Menschen anderer Herkunft, anderer Kulturkreise und anderen Glaubens beleidigen oder angreifen.

Wenn hasserfüllte Gewalttäter im Namen des Islam zu terroristischen Attentaten aufrufen, sie billigen oder gar verüben, zerstören sie unsere Gemeinschaft und verwirken ihr Bleiberecht Ich hoffe, dass Sie mir in diesem Punkt zustimmen können. Ich werbe deshalb sehr um ein friedliches Neben- und Miteinander von Christen, Muslimen, Juden, Atheisten und Menschen jedweder Glaubensrichtung in unserer Gesellschaft. Gottes Barmherzigkeit ist Kraftquelle und Wurzel für Frieden und Gerechtigkeit und Toleranz. Seine Liebe macht uns zu Brüdern und Schwestern.

Auch eine gemeinsame Sprache zu sprechen, ist ein wichtiger Beitrag zum gegenseitigen Verständnis und zu einem wertschätzenden und offenen Umgang miteinander.

Ich bin stets im Austausch mit Vertretern der verschiedenen Religionsgemeinschaften. Der Dialog mit den Vertretern der verschiedenen muslimischen Verbände in unserem Land ist bereits fest etabliert. Das gedeihliche Miteinander kommt nicht aus ohne das Gespräch untereinander. Seit 2005 – nunmehr seit 12 Jahren – lade ich einmal im Jahr Vertreter der verschiedenen Verbände der Muslime zum Austausch und Gespräch ein. Denn vor allem denen, die bereits vor vielen Jahren zu uns gekommen sind, kommt im Prozess der Integration der Flüchtlinge eine bedeutende Rolle zu. Sie sind wichtige Brückenbauer zwischen der Kultur ihrer Herkunftsländer und der Kultur in unserem Land. Sie können dazu beitragen, dass die neu in unserem Land Ankommenden Geborgenheit erleben, und verhindern, dass sie in extremistisches Gedankengut abdriften. Ich bitte Sie deshalb alle sehr herzlich, den Integrationsprozess zu unterstützen.

Mit Sorge schaue ich auf die Krisenherde in unserem gemeinsamen Haus Erde. Zu viele unschuldige Opfer haben sie bereits gefordert. Ich hoffe und wünsche mir für die Zukunft, dass das Miteinander nicht nur in unserem Land gelingt, dass ein friedliches Zusammenwachsen und Zusammenleben in Geschwisterlichkeit ohne Hass, Terror und Gewalt auf der gesamten Welt möglich wird.

Ich grüße Sie zu Beginn des Jahres 2017 und wünsche Ihnen den friedenstiftenden Segen Gottes!

Rottenburg/Stuttgart zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge, 15. Januar 2017

Ihr Bischof Dr. Gebhard Fürst

Quelle: http://www.drs.de/bischof/texte-und-reden/a-bischof-dr-gebhard-fuerst-brief-an-die-00006072.html

Weitere Informationen:

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>